Rezension: “Verfallen – Folge 1: Astoria” von ASP

Ich bin durch meine Schwester auf ASP gekommen, als sie in der Oberstufe war, und ich erinnere mich, wie eine gute Freundin und ich an der Uni das „Krabat“-Lied rauf und runter gehört haben … das waren noch Zeiten. Mit meiner Schwester war ich damals auch auf mehr als einem Konzert, was mir in bester Erinnerung geblieben ist.

Danach habe ich ein paar Alben verpasst, nur am Rande mitbekommen, dass die Bandbesetzung sich geändert hat. Dies ist – für mich – das erste Werk der Band in neuer Besetzung und ihr erstes Konzeptalbum seit dem „Krabat“-Album Zaubererbruder von 2008. Verfallen ist als Zweiteiler angelegt, Verfallen – Folge 2: Fassaden soll im April 2016 erscheinen. Inspiration für das Album war die bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ des erfolgreichen Phantastik-Autors und SERAPH-Preisträgers Kai Meyer, die exklusiv im Booklet der Limited Edition von Folge 1 abgedruckt ist.

Überhaupt, das Booklet. Das ist vielmehr ein opulentes, schaurig-schön von Joachim Luetke illustriertes Hardcover und passt besser in den Bücherschrank als ins CD-Regal (altmodische Menschen sollen ja beides noch haben). Allein optisch ist Verfallen ein Album, das es sich zu kaufen lohnt und an dem Bibliophile ihre Freude haben werden.

Inhaltlich spinnen ASP, die sich mit der selbstgewählten Stilbezeichnung „Gothic Novel Rock“ schon immer literaturaffin gezeigt haben, eine grausige und packende Geschichte um das Hotel Astoria in Leipzig. 1915 errichtet und lange Zeit das erste Haus am Platze, steht der Prachtbau, in dem einst DDR-„Größen“ ein und aus gingen, seit Mitte der 1990er Jahre leer.

ASPs musikalische Erzählung spielt im politisch turbulenten Jahr 1919, als es den Kriegsheimkehrer Paul nach Leipzig verschlägt. Paul, ein einsamer Außenseiter, fühlt sich vom Astoria geradezu magisch angezogen – nicht ahnend, dass unter dem gigantischen Gebäude eine düstere Entität lauert, mit der er bald Bekanntschaft machen wird.

Kai Meyers zugrundeliegende Kurzgeschichte liest sich am besten im Anschluss an das Album und handelt von Jana, einer jungen Antifa-Anhängerin. Nach einer missglückten Demo flüchtet sie sich ins Hotel, wo besagte Entität offensichtlich bis in die Gegenwart überdauert hat. Oder war das Ding im Keller am Ende doch nur eine Wahnvorstellung?

Musikalisch zeigen ASP sich auf dem Album sehr ambitioniert und mit einem breiten Repertoire. Neben den vertrauten Rock- („Astoria verfallen“, „Souvenir, Souvenir“) und Elektro-Elementen („Begeistert“) bietet Verfallen Anklänge an Chanson („Ich nenne mich Paul“) und Tango („Lift“), was perfekt zum Geist der heraufbeschworenen Epoche passt.

Nicht alle Melodien überzeugen mich völlig, auch die Texte von Asp Spreng lassen stellenweise etwas Eleganz vermissen (so etwa im Intro „Himmel und Hölle“). Für mich reicht Verfallen nicht ganz an das von mir heiß geliebte „Krabat“-Album heran; dennoch bietet dieses neue Werk jede Menge Highlights. An den Schlüsselstellen erreicht die Verbindung von Worten und Musik eine beeindruckende Intensität, die beweist, dass ASP zu den besten deutschsprachigen Bands der Gegenwart gehören. Ich merke auch, wie mir das Album mit jedem Hören besser gefällt. Also: klare Kaufempfehlung.

Die Limited Edition umfasst noch eine schöne Bonus-CD, auf der zwei Lesungen von Kai Meyer sowie zwei davon inspirierte Akustik-Songs von ASP enthalten sind.

Anspieltipps: “Zwischentöne: Ich nenne mich Paul”, “Astoria verfallen”, “Dro[eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen”, “Loreley”

Ein PS mit einem kleinen Spoiler: Warum muss am Ende mal wieder eine schöne, käufliche Blondine umgebracht werden? Gähn. Ich hoffe, dass Hannelore im zweiten Teil wiederaufersteht und irgendwas Cooles macht.

Ich danke Mindguerilla für das Rezensionsexemplar.

asp_verfallen1_cover

ASP: Verfallen – Folge 1: Astoria
Trisol Music Group, Oktober 2015
Limited Novel Edition: € 29,95
Standard Edition: € 16,95

(Die Rezension bezieht sich auf die Limited Edition.)

Mehr unter: https://www.aspswelten.de/


Titelliste:

Himmel und Hölle (Kreuzweg)
Mach’s gut, Berlin!
Zwischentöne: Ich nenne mich Paul
Zwischentöne: Baukörper
Begeistert (Ich bin unsichtbar)
Zwischentöne: Lift
Astoria verfallen
Souvenir, Souvenir
Zwischentöne: Blank
Dro[eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen
Alles, nur das nicht!
Loreley
Fortsetzung folgt … 1

Bonus CD: Live 2013

Kai Meyer: Lesung, Teil 1 (Arkadien)
Song: Die Löcher in der Menge
Kai Meyer: Lesung, Teil 2 (Die Alchimistin)
Song: Die Gabe

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2 thoughts on “Rezension: “Verfallen – Folge 1: Astoria” von ASP

  1. Sehr schön geschriebene Rezension, mein Schatz. Bin schon gespannt darauf, das Album anzuhören. Bin ein bisschen stolz darauf, dass du mich erwähnt hast. 😉

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