Ju Honisch über die Hintergründe ihres Romans “Seelenspalter”

Manchmal wird man als Schriftstellerin gefragt, wo man denn seine Ideen hernimmt. Das ist eine schreckliche Frage, denn hätte man eine geheime Quelle für Ideen, sollte man diese tunlichst nicht verraten.

Ideen sind einfach mit einem Mal da. Bisweilen kommen sie aber auch über Umwege. Bei „Seelenspalter“ war das so.

Zur Erklärung: Ich mache auch Musik, schreibe Lieder im Phantastik-Bereich. Ich hatte also vor Jahren dieses Lied geschrieben, „Sweet Poison“ hieß es und erzählte die Geschichte einer wunderschönen Frau, die mordend durch das Land zieht und für ihre Opfer tanzt, sie betört, sie umgarnt und umstrickt. Bis zu deren Ableben.

Ein Lied ist selbst bei mir, die ich für lange Geschichten bekannt bin, eine eher kurze Angelegenheit. Die Situation wurde nur angerissen. Die Schöne tanzte – die Zuschauer starben. Es gab kein Warum. Keinen Grund. Keine Erklärung und schon gar keine Entschuldigung.

Aber es gab eine „Story“. Und die verlangte nach einer Erklärung und einem Hintergrund. Sie wollte geschrieben werden.

So entstand „Seelenspalter“, die Geschichte von der einen Frau mit den zwei Seelen, von denen eine den sicheren Tod bringt. Zur Mörderin hat man sie erzogen, und diese Erziehung war so allumfassend, dass Maleni ihre Berufung nie hinterfragt, bis – und hier setzt die Handlung ein. Denn bei einem Auftrag begeht sie einen Fehler. Ihre andere Seele macht diesen Fehler bewusst, aus einem winzigen Rest Mitleid heraus, das man ihr ansonsten genommen hat.

Eine grausame Geheimgesellschaft hat Maleni zur Assassinin gemacht – sie und viele andere. Alle waren sie junge Kriegswaisen in einem Reich, in dem sich seit Jahrhunderten acht Teilreiche um die Vorherrschaft bekriegen. Seit dem Untergang des Gesamtreiches ist das so. Es gibt keinen Frieden, und es scheint fast, als wäre irgendeine Macht unablässig damit beschäftigt, den steten Streit aufrechtzuerhalten.

In den endlosen Kriegswirren, in denen Wissen und Kultur längst der Grausamkeit und der Unkultur zum Opfer gefallen sind, fällt das niemandem auf. Niemand hat den Weitblick, eine Gesamtsituation zu erfassen – zumindest nicht über das nächste Bündnis oder den nächsten Bündnisverrat hinaus. In dem fanatischen Streben, den Krieg zu gewinnen, denkt jeder nur an die nächste Schlacht und den nächsten Vorteil.

Doch wo die Zivilisation stirbt, da haben alle schon verloren.

„Seelenspalter“ ist ein Fantasy-Roman, der auf einer erfundenen Welt spielt. In diesem ersten Buch der Reihe „Klingenwelt“ lernen wir erst einmal nur einen Kontinent kennen. Die Bewohner dort haben andere noch nicht entdeckt. Für sie ist der zerklüftete Kontinent mit den vielen vorgelagerten Inseln ihre ganze Welt.

In einer neuen Welt gibt es für eine Autorin immer viel „Weltenbau“ zu bewerkstelligen. Ein historischer Hintergrund muss her, Flora, Fauna, Landschaft, Infrastruktur, Brauchtum, Religionen. Wenn ich eine Welt erfinde, weiß ich mehr über sie, als im Buch letztlich erscheint. Ich verleihe der Welt die Realität, die ich selbst brauche, um in diesem Umfeld zu schreiben. Wenn ich an den Kontinent Predorenn denke, habe ich eine feste Vorstellung davon, wie es dort aussieht. Ich weiß, wo sich die Gebirge befinden und welche Tiere gefährlich sind.

Und die Menschen?

Menschen sind Menschen. Die Menschen von Predorenn sind nicht anders als wir. Der Verlust von Zivilisation und Wissen ist nichts, das es in unserer Welt nicht auch gegeben hätte. Reiche sind entstanden und verschwunden. Manchmal rätselt man, warum. Die Gründe sind in Predorenn so vielschichtig wie bei uns: bornierte Ignoranz der Machtbesessenen, Ereignisse, die man nicht kontrollieren kann, Fehlentscheidungen jener, die sich für unfehlbar halten.
Phantastik muss spannend sein und umfassend erzählen. Doch wer Phantastik mag, weiß, dass sie auch ein wenig dazu ist, der Wirklichkeit den Spiegel vorzuhalten. Auch bei uns gab es schon Waisenkinder, die zu Mördern erzogen wurden. Es ist noch nicht so lange her.
Was Maleni, der Assassinin, in „Seelenspalter“ geschieht, werde ich hier nicht beschreiben. Dazu gibt es das Buch.

Und natürlich gibt es das Lied.

„Sweet Poison“

Text: http://jukaty.filk.de/poison.html

Musik: http://musicsales.filk.de/track/sweet-poison

© Ju Honisch 2016



Dieser Text wurde zuerst auf dem Blog von Knaur “feelings” veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags.

Mehr zu Ju Honisch und ihren Büchern: http://www.juhonisch.de/

“Seelenspalter” ist überall dort erhältlich, wo es Bücher gibt. Eine Fortsetzung, “Blutfelsen”, ist bereits angekündigt.