Valerie Colberg über die Welt ihres Romans “Talvars Schuld”

Das alte Rom ist wie eine Vorabendserie, nur besser: Alles ist wirklich passiert, und dann geht’s auch noch richtig um die Wurst! Wohin man schaut, erzählen die antiken Texte von internationalen und privaten Dramen. Sie sind für mich seit Jahren die liebste Inspirationsquelle für meine selbst erfundene Fantasy-Welt.

Vor allem die jungen Männer der römischen High Society hatten es nicht leicht. Die Anforderungen, die an sie gestellt wurden, waren unfassbar hart. Sie mussten sich in jeder Hinsicht beweisen: auf dem Schlachtfeld, in der Politik (die bisweilen das schlimmere Schlachtfeld war), als Redner vor Gericht und privat. Geheiratet wurde natürlich nicht aus Liebe, sondern mit Blick auf den persönlichen Vorteil. Und kaum verheiratet, zeugte man die nächste Generation, um sie im gleichen gnadenlosen Kreislauf zu verheizen.

Was aber, habe ich mich gefragt, wenn jemand aus einer stinkreichen, einflussreichen Familie einfach nur ein ganz normaler Typ ist? Der nette Kerl von nebenan, der bloß ein bisschen Spaß und ein zufriedenes Leben will? Wenn es besonders schlecht für ihn läuft, überlegte ich weiter, würde sich so ein junger Mann wohl auch noch in das falsche Mädchen verlieben, zum Beispiel in die Tochter eines politischen Feindes seiner Familie. Und was dann? Wird er den Erwartungen seiner Familie treu bleiben? Oder wird er sich auf die Seite des Feindes schlagen?

Aus diesen Gedanken entstand die Idee für „Talvars Schuld“. Mein Protagonist Kadevis lebt in einer Welt, die in vielen Punkten – nicht in allen – ans antike Rom angelehnt ist.* Im Laufe der Zeit habe ich mehrere Romane in dieser Welt angesiedelt. Immer wenn ich sie besuche, lerne ich Figuren kennen, über deren Leben ich mehr wissen möchte. Es ist praktisch, seine eigene Welt zu haben: Man muss sich nicht an die Vorgaben der wirklichen Geschichte halten (denn die Realität kann einem die besten Plots vermasseln), und es gelten nur die Regeln, die man zulässt.

Aber zurück zu Kadevis.

Er hat zwar das Glück, aus einer mächtigen und einflussreichen Familie zu stammen, doch seine Eltern sind tot, umgekommen bei einem verlorenen Feldzug (eine Schande!). Auch wenn er vom Familienoberhaupt, seiner furchteinflößenden Tante, adoptiert wurde, wird er niemals denselben Status einnehmen wie deren leiblicher Sohn. Trotzdem gibt es, abgesehen von seiner Tante, nicht viel, was ihm Sorgen bereitet. Unbekümmert treibt er einer unbekannten Zukunft entgegen, mehr an Parties und an Wein interessiert als an Politik – bis ihm ein Mentor vor die Nase gesetzt wird: Malkar, genannt der Bluthund, ein knallharter Mann, schillernd, charismatisch, erbarmungslos. Malkar soll Kadevis’ politischer Karriere auf die Sprünge helfen. Und dazu hetzt er seinen Schützling direkt auf den narbenübersäten Schrecken seiner Kindheit, den Mann, der den Tod von Kadevis’ Eltern verschuldet hat: den ehemaligen Feldherrn Talvar. Kadevis soll den Feind seiner Familie zu Fall bringen und so die Ehre seiner Eltern wiederherstellen, um die eigenen Karrierechancen zu verbessern. Als Kadevis Talvar jedoch näher kennen lernt, stellt er fest, dass der Mann keineswegs so schrecklich ist, sondern eher bedauernswert. Und zu allem Überfluss verliebt er sich auch noch Hals über Kopf in Talvars bezaubernde Tochter.

Bald weiß Kadevis überhaupt nicht mehr, auf wessen Seite er eigentlich steht. Er zweifelt an allem: Hat Talvar den Tod seiner Eltern tatsächlich verschuldet? Und ist Malkar, sein Mentor, wirklich an Kadevis’ Wohl interessiert oder verfolgt er eigene Pläne? Es hilft nichts, Kadevis muss sich entscheiden, wem er sein Vertrauen schenkt – aber wenn er einen Fehler macht, wird er das Leben aller Beteiligten ruinieren.

Ich habe diese Geschichte geliebt! Jeden Morgen (ich bin eine Morgenschreiberin) habe ich es genossen, in die Welt der Figuren einzutauchen. Obwohl ich das Ende bereits kannte, war ich selbst oft gespannt, wie es weitergehen würde. Ich war richtig traurig, als der Roman abgeschlossen war. Das war an meinem Geburtstag; ich habe zur Feier des Tages eine altmodische Kaffeemühle gekauft.

Während des Schreibens habe ich Portraits von den Figuren gezeichnet. Am liebsten mag ich das von Talvar (siehe Bild).

Wenn ich mir für diesen Roman etwas wünschen soll, dann: Die Leser mögen so viel Spaß beim Lesen haben, wie ich beim Schreiben hatte!

Eure Valerie

*So gibt es zum Beispiel keine Sklaverei, und in der Politik arbeiten auch Frauen. Genau, Frauen! Die Debatten im Senat haben auch ohne sie schon für jede Menge Sprengstoff gesorgt, aber wie viel aufregender, wenn die Versammlungen auch noch zum Schauplatz für den Kampf der Geschlechter werden können!

© Valerie Colberg 2016



Dieser Text wurde zuerst auf dem Blog von Knaur “feelings” veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags.

Mehr zu Valerie Colberg und ihren Büchern: http://kaja-evert.de/

“Talvars Schuld” ist überall dort erhältlich, wo es Bücher gibt.